Liebes Tagebuch,
als ich heute vor der Wahl stand, meinen Haushalt zu besorgen oder über den Hochnebel zu fahren, entschied ich mich für letzteres. Und dann entschied ich mich gleich nochmals, und zwar für die Touristentour auf den hiesigen
Hausberg. Dieser Berg trohnt markant über der Stadt und wer hier lebt, sieht in täglich. Ich kann mich aber kaum erinnern, wann ich zum letzten Mal dort ganz oben gewesen bin. Gut möglich, dass es zwanzig Jahre her ist.
Deshalb liess ich heute am späten Vormittag die zwei Zwischenstationen der Gondel- und der Luftseilbahn links liegen und fuhr bis zum Gipfel auf gut 2000 m ü M, oder besser gesagt auf 7000 ft. An dem Berg befindet man sich nämlich in einer internationalen Welt. Alles ist mindestens in zwei Sprachen angeschrieben; vieles sogar in fünf Sprachen, wovon ich aber nur von zweien die Zeichen lesen kann.
An diesem Freitag Mitte Januar waren nicht sehr viele Menschen unterwegs. In der Gondel sass ich alleine, die Luftseilbahn teilte ich mit einem deutschen Paar, vier Amerikanerinnen, wovon die eine offensichtlich hier lebt und die anderen drei bei sich zu Besuch hatte, einer indischen Familie, deren Mitglieder miteinander Englisch mit diesem indischen Akzent sprachen und zwei Schweizer Rentnern mit ihren
Schwyzerörgälikoffern.
Oben angekommen hörte man von der Aussichtsterrasse her Alphorntöne. Das Ständchen ging leider gerade zu Ende.
Ich spazierte durch den auch im Winter zugänglichen Teil der Felsengalerie, einen in den Berg gehauenen Tunnel mit fensterartigen Löchern die spektakuläre Ausblicke auf das Nebelmeer boten. Bei einem dieser Ausgucke stand eine Kerze mit einem Abschiedsbrief an einen Bruder und Sohn, in dem die Hoffnung beschrieben war, dass dieser Bruder und Sohn nun Frieden gefunden habe und verzeihen könne. Von dieser Stelle viel die Felswand sicher 100 m senkrecht ab.
Zurück auf der Aussichtsterrasse wickelte ich mich in drei Wolldecken (Swiss Army) und setzte mich in einen der roten Liegestühle mit den weissen Kreuzen. Fast wäre ich dort eingeschlafen. Ein paar Wolken begannen aber die Sonne zu verschleiern. Mit halber Kraft war sie dann doch nicht mehr warm genug. So ging ich ins Restaurant, wo sechs Männer aus Ägypten Raclette und Fondue gleichzeitig probierten. Sie äusserten darüber ein zurückhaltendes aber freundliches Urteil.
Als gegen zwei Uhr die Sonne immer schwächer wurde, wollte ich mich auf den Rückweg machen. Doch genau dann brachte ein älterer Gast die Nachricht ins Restaurant, wegen Stromausfalls könnten die Bahnen im Moment nicht fahren. Die Wartezeit vertrieb ich mir zuerst im Souvenirshop. Dann begab ich mich zurück ins Restaurant, wo alle wartenden Luftseilbahnpassagiere ein Getränk spendiert bekamen. Ich las in meinem mitgebrachten Buch während die zwei Rentner die ich von meiner Bergfahrt kannte auf ihren Schwyzerörgälis spielten.
Nach ziemlich genau einer Stunde fuhr die Luftseilbahn wieder und ich mit ihr bis zur oberen Zwischenstation. Dort lieh ich mir einen der vielen Schlitten (gratis! ohne Depot!) und fuhr auf ihm zur unteren Zwischenstation. Diese lag schon wieder knapp im Nebel. Das machte mir die Entscheidung leicht, nun wieder mit der Gondelbahn, bis ganz ins Tal hinunter zu fahren.