Drei Frauen - Die zweite

Schon als sich ihre zwei Stieftöchter von ihr verabschieden, beginnt die Frau zu weinen. Als ich sie nach dem Grund frage, erzählt sie mir, dass ihr jüngster Sohn sie am heutigen Muttertag nicht besucht habe. Ich versuche sie damit zu trösten, dass es ja erst halb fünf sei und dass er vielleicht jetzt gegen Abend noch komme. Nein, nein, der komme bestimmt nicht, sagt sie und ich verstehe sie kaum zwischen all den Schluchzern. Das wisse sie, denn sie habe mit ihrer Schwiegertochter das Heu ganz und gar nicht auf der selben Bühne. Also das eine sage sie mir - ihre Worte sind nun schon viel klarer verständlich - wenn sie noch einmal jung wäre, würde sie ganz sicher keine Kinder mehr haben wollen. Sie würde sich gleich von Anfang an die Gebärmutter rausnehmen lassen. Insgesamt habe sie elf Kinder grossgezogen und nichts als Arbeit habe sie gehabt. Dabei hätten es bei ihr alle immer gut gehabt. Und dann habe sie auch noch auf der Post gearbeitet. Manchmal habe sie sogar zwei Schichten an einem Tag gemacht. Mann könne ihr also alles vorwerfen aber das eine nicht: Sie sei kein fauler Hund. Und jetzt lebe sie alleine in ihrer schönen Fünfzimmerwohnung und nun wolle ihr Sohn, dass sie dort ausziehe, weil sie ja nicht mehr für sich selber sorgen könne aber das stimme gar nicht und vor einer Woche an ihrem Geburtstag sei sie gestürzt weil ihr Bein sie nicht mehr getragen habe wegen dem Bandscheibenvorfall aber im Kopf sei sie doch noch klar sie würde ja nichts sagen wenn sie vergessen würde das Gas abzustellen. Weihnachtsguetsli backe sie jedes Jahr für alle Verwandten und Bekannten und ein paar alte Menschen im Altersheim sie backe jeweils einen Monat lang. Und sie sei sicher nicht so eine die den Staubsauger hervornehme und ihn kurz einschalte und dann merke dass ihr etwas weh tue und dann wieder Pause mache nein sie beisse auf die Zähne oder nehme eine Schmerztablette ihr müsse niemand sagen sie sei ein fauler Hund und Goblin habe sie immer gestickt wunderschöne riesengrosse Bilder das habe sie ihren Kindern schon gesagt dass sie sich in ihrer Asche drehen werde wenn sie die später einmal verschachern würden.
Ich muss fast unhöflich sein, um aus ihrem Zimmer herauszukommen und weiss eines mal wieder ganz sicher: Es ist falsch seinen Lebensinhalt in der Dankbarkeit der anderen zu suchen.

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