Drei Frauen - Die dritte
Die letzten zwei Tage ist sie nicht mehr von der Seite ihres Mannes gewichen, so wie sie überhaupt die letzen sechzig Jahre an seiner Seite verbracht hat. Wir stellten ihr ein zweites Bett in sein Krankenzimmer wo sie übernachten konnte. Immer war mindestens eines ihrer Kinder bei ihr, tagsüber sogar mehrere. Sie wusste, dass ihr nur noch wenige Stunden mit ihm bleiben würden. Seit gestern hatte er nicht mehr gesprochen. Trotz der Medikamente schien er, zumindest bei gewissen Berührungen, starke Schmerzen zu haben. Trotzdem blieb sie die ganze Zeit glassen, oft sogar heiter.
Danach erzählte sie, zwar mit Tränen in den Augen aber noch immer gefasst, dass sie beide für einmal kurze Zeit alleine im Zimmer waren. Sie betete das Vaterunser und hielt seine Hand. Als sie damit fertig war spürte sie, dass er ihre Hand drückte und dann loslies und fortgegangen war.
Danach erzählte sie, zwar mit Tränen in den Augen aber noch immer gefasst, dass sie beide für einmal kurze Zeit alleine im Zimmer waren. Sie betete das Vaterunser und hielt seine Hand. Als sie damit fertig war spürte sie, dass er ihre Hand drückte und dann loslies und fortgegangen war.
acqua - 12. Mai, 01:14
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books and more - 12. Mai, 07:00
Wie unterschiedlich die Menschen sind! In Ausnahmesituationen zeigt sich das wohl besonders deutlich.
steppenhund - 12. Mai, 08:46
Das ist eine schöne Aneinandereihung.
Man könnte daraus schließen, dass es nicht gut tut, allein zu sein. Und wann ist man allein? Wenn man selbst die Einsamkeit vorzieht, weil die andern ja so schlecht sind.
Doch die andern ist man selbst. Die Hölle sind wir, sagt es ungefähr Sartre.
Ich finde die Geschichte mit den zwei Abonnements gar nicht so abwertend. Was die kleinen Sachen sind, die jemand über alles begehrt, kann man als Außenstehender ja gar nicht ermessen. Man sieht in so einer Sache nur den materiellen Wert. Ich kann das auch nicht anders sehen. Und trotzdem habe ich eine Ahnung, dass da vielleicht noch irgendwelche Erinnerungen oder Sentiments anders als Geiz mitschwingen.
Frauen wie #1 habe ich früher oft erlebt, wenn meine Mutter noch im Park mit älteren Frauen sich unterhalten hat. Das Beklagen der Undankbarkeit der Kinder geht ja in dem Punkt von einem Selbstbetrug aus.
Für ein paar Sekunden Vögelglück muss man ein ganzes Leben lang arbeiten. Und das ist dann auch noch heilige Pflicht. Da kann man schon verzweifeln.
Aber dann gibt es auch noch ganz andere Frauen, die ein schweres Leben hatten. Und sie lächeln einen mit 88 Jahren an, nachdem sie ein Leben im Gulag verlebt haben, und finden, dass sie ein wunderbares Glück gehabt haben, denn ihr Mann (damals als ich dieses Lächeln sehen durfte, war er 91) war all die Jahre mit ihr zusammen. Im gleichen Lager, vorher im gleichen Ural-Bergwerk, wo sie fast an der Lungenentzündung gestorben wären.
Auch der Alte hat gelächelt.
So ein Lächeln kann die Schicksale vieler Menschen relativieren.
Und so schlimm es klingen mag: auch in Myanmar wird es Menschen geben, deren engste Verwandte umkommen, die alles verlieren, die nach unserem Ermessen keine Hoffnung haben, und die trotzdem lächeln können.
Lächeln, solange sie noch am Leben sind. Es sind die wahrhaft lebendigen Menschen.
Man könnte daraus schließen, dass es nicht gut tut, allein zu sein. Und wann ist man allein? Wenn man selbst die Einsamkeit vorzieht, weil die andern ja so schlecht sind.
Doch die andern ist man selbst. Die Hölle sind wir, sagt es ungefähr Sartre.
Ich finde die Geschichte mit den zwei Abonnements gar nicht so abwertend. Was die kleinen Sachen sind, die jemand über alles begehrt, kann man als Außenstehender ja gar nicht ermessen. Man sieht in so einer Sache nur den materiellen Wert. Ich kann das auch nicht anders sehen. Und trotzdem habe ich eine Ahnung, dass da vielleicht noch irgendwelche Erinnerungen oder Sentiments anders als Geiz mitschwingen.
Frauen wie #1 habe ich früher oft erlebt, wenn meine Mutter noch im Park mit älteren Frauen sich unterhalten hat. Das Beklagen der Undankbarkeit der Kinder geht ja in dem Punkt von einem Selbstbetrug aus.
Für ein paar Sekunden Vögelglück muss man ein ganzes Leben lang arbeiten. Und das ist dann auch noch heilige Pflicht. Da kann man schon verzweifeln.
Aber dann gibt es auch noch ganz andere Frauen, die ein schweres Leben hatten. Und sie lächeln einen mit 88 Jahren an, nachdem sie ein Leben im Gulag verlebt haben, und finden, dass sie ein wunderbares Glück gehabt haben, denn ihr Mann (damals als ich dieses Lächeln sehen durfte, war er 91) war all die Jahre mit ihr zusammen. Im gleichen Lager, vorher im gleichen Ural-Bergwerk, wo sie fast an der Lungenentzündung gestorben wären.
Auch der Alte hat gelächelt.
So ein Lächeln kann die Schicksale vieler Menschen relativieren.
Und so schlimm es klingen mag: auch in Myanmar wird es Menschen geben, deren engste Verwandte umkommen, die alles verlieren, die nach unserem Ermessen keine Hoffnung haben, und die trotzdem lächeln können.
Lächeln, solange sie noch am Leben sind. Es sind die wahrhaft lebendigen Menschen.
acqua - 13. Mai, 09:45
Dass das nicht allein sein schon ausreicht, bezweifle ich. Ich kenne auch verheiratete Frauen mit Kindern und Kindeskindern die so sind wie die Zweite. Bei denen fällt es mir dann auch schwer vorzustellen, dass sie überhaupt so etwas wie "Vögelglück" kennen. Sie scheinen nie von etwas beglückt worden zu sein.
Für mich schliesse ich aus solchen Begegnungen, dass ich auf meine Bedürfnisse achten will. Das heisst nicht, dass ich sie über diejenigen der anderen stelle, aber dass ich mich selber darum kümmere, ob und wie sie befriedigt werden und nicht die anderen dafür verantwortlich machen will. Ich arbeite daran.
Als geizig habe ich die Erste in dem Moment gar nicht empfunden. Ich sah es eher als eine Art übertriebene Ordnungsliebe. Wenn man doch schon weiss, wo man eine Sache gelassen hat, dann holt man sie sich wieder, dann besorgt man sich doch keinen Ersatz denn eigentlich hat man sie dann ja gar nicht verloren.
Wenn die alten Achtunsechziger erzählen, wie grau das Leben in den Fünfziger- und Sechzigerjahren war, stelle ich es mir etwa so vor, mit Menschen, die keine grössere Unordnung in ihrem Leben kannten als verlorene Halbtaxabonnements.
Für mich schliesse ich aus solchen Begegnungen, dass ich auf meine Bedürfnisse achten will. Das heisst nicht, dass ich sie über diejenigen der anderen stelle, aber dass ich mich selber darum kümmere, ob und wie sie befriedigt werden und nicht die anderen dafür verantwortlich machen will. Ich arbeite daran.
Als geizig habe ich die Erste in dem Moment gar nicht empfunden. Ich sah es eher als eine Art übertriebene Ordnungsliebe. Wenn man doch schon weiss, wo man eine Sache gelassen hat, dann holt man sie sich wieder, dann besorgt man sich doch keinen Ersatz denn eigentlich hat man sie dann ja gar nicht verloren.
Wenn die alten Achtunsechziger erzählen, wie grau das Leben in den Fünfziger- und Sechzigerjahren war, stelle ich es mir etwa so vor, mit Menschen, die keine grössere Unordnung in ihrem Leben kannten als verlorene Halbtaxabonnements.
steppenhund - 13. Mai, 10:41
Ich bin ja ein Post-Achtundsechziger, (habe 68 erst maturiert), aber die grauen Zeiten kenne ich in der Form gar nicht so.
Eher Wiederaufbau, Sparsamkeit und halt noch Spätauswirkungen der Nachkriegszeit - zumindest Ende 50er, Anfang 60er.
Aber es war nicht schlechter als in der DDR 1980. Habe ich zumindest so empfunden.
Und dort habe ich intelligente Leute gefunden, die sich abgefunden hatten und eine Art Biedermeierglück erlebt haben. Das einzige Schlimme für sie als Wissenschafter war, dass sie nicht zu Forschungskonferenzen in den Westen fahren durften.
Alles andere waren Beschwernisse. Die gibt es aber in verschiedener Form allerortens.
Wenn ich über etwas räsonieren würde, wäre es die Selbstverständlichkeit, mit der alles heute hingenommen wird. Dabei geht es uns (damit meine ich mindestens 80% der Bevölkerung in Österreich) hervorragend.
Ein bisschen mehr soziales Mitgefühl tät uns halt nicht schaden...
Eher Wiederaufbau, Sparsamkeit und halt noch Spätauswirkungen der Nachkriegszeit - zumindest Ende 50er, Anfang 60er.
Aber es war nicht schlechter als in der DDR 1980. Habe ich zumindest so empfunden.
Und dort habe ich intelligente Leute gefunden, die sich abgefunden hatten und eine Art Biedermeierglück erlebt haben. Das einzige Schlimme für sie als Wissenschafter war, dass sie nicht zu Forschungskonferenzen in den Westen fahren durften.
Alles andere waren Beschwernisse. Die gibt es aber in verschiedener Form allerortens.
Wenn ich über etwas räsonieren würde, wäre es die Selbstverständlichkeit, mit der alles heute hingenommen wird. Dabei geht es uns (damit meine ich mindestens 80% der Bevölkerung in Österreich) hervorragend.
Ein bisschen mehr soziales Mitgefühl tät uns halt nicht schaden...
acqua - 14. Mai, 19:06
Ich kenne ja weder die DDR der 80er-Jahre noch das Westeuropa der 60er-Jahre. Ich gebe nur wieder, was ich gehört habe. Wobei ich auch schon widersprüchliches gehört habe.
Zufriedenheit und Verantwortungsgefühl, sowohl für die anderen wie auch für sich selber, das sind sicher zwei anzustrebende Ziele.
Wir kommen hier ja vom Hundertsten ins Tausendste.
Zufriedenheit und Verantwortungsgefühl, sowohl für die anderen wie auch für sich selber, das sind sicher zwei anzustrebende Ziele.
Wir kommen hier ja vom Hundertsten ins Tausendste.
diefrogg - 14. Mai, 15:49
Wunderschöne Geschichten...
Die haben mich fast zu Tränen gerührt.
acqua - 14. Mai, 19:09
Oh! Das ist ein grosses Kompliment. Vielen Dank!
canela (anonym) - 16. Mai, 21:05
mich eben auch *nastüechli an frau frogg rüberreicht* damit wir zwei kraftvoll reinschneuzen können.




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