Mittwoch, 19. November 2008

Frage (LX)

Was ist von einer Person zu halten, die umschaltet, wenn im Fernsehen ein Dokumentarfilm über Kindersklaven beginnt, weil sie sich nicht mit dem Thema auseinandersetzen will?

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http://acqua.twoday.net/stories/5332967/modTrackback

creature - 19. Nov, 23:16

das ist wie mit diesem thema.
ich finde das so schrecklich und es trifft mich so das ich kaum zu etwas zu gebrauchen bin.
vielleicht geht es der person auch so?

acqua - 20. Nov, 07:58

Don't carry the world upon your shoulder...

Ich glaube, man hat fast nur zwei Möglichkeiten: Man lässt das Thema an sich heran, oder nicht. Man kann nicht alles an sich heranlassen. Trotzdem: Wie unterscheidet man?
books and more - 20. Nov, 08:02

Erfahrung. Sie wissen, was das Thema X mit Ihnen macht. Und Sie haben ein Gefühl dafür, wann Sie (sagen wir mal:) den Artikel Y zum Thema X jetzt besser nicht weiterlesen.

Wer solche Erfahrungen nicht hat, dem stellt sich Ihre Frage ja gar nicht.

-

Oder geht Ihre ganze Frage in eine andere Richtung? Geht es um Gefühle moralischen bzw. politischen Sich-verpflichtet-Fühlens?
acqua - 20. Nov, 08:10

Die Frage ist sozusagen zweidimensional gemeint:
Was kann ich mir zumuten?
Worum muss/müsste ich mich kümmern?

(Tschuldigung, habe gerade nur wenig Zeit. Heute Abend gerne mehr darüber.)
books and more - 20. Nov, 08:16

Keine Zeit? Wem sagen Sie das und auch ich sage es mir jetzt!
steppenhund - 19. Nov, 23:46

Ich schalte auch um

Und zwar hat das auch mit dem Thema zu tun, welches creature angesprochen hat.
Ich werde dabei so aggressiv, dass ich auf die Straße gehen könnte, um den nächst Besten zu erschlagen, der eine blöde Aussage macht.
Zum Beispiel jemanden, der ein Präparat der Fa. Bayer einnimmt.
Oder jemanden, der in einer Rede behauptet, dass sich der Holocaust nie mehr wiederholen darf, währenddessen die Spuren eines neuen Holocausts von eben jener Organisation genehmigt wird, der der Sprecher angehört. Ich spreche über Srbenica.
Es macht keinen Sinn, wenn ich es mir ansehe. Den Tatbestand kenne ich, das Grauen kenne ich und die Ignoranz der Leute kenne ich auch.
Das Gefühl der Ohnmacht bringt mir gar nichts.
Als ich von den strategischen Vergewaltigungen im Bosnienkrieg gehört habe, hatte ich nur den Gedanken, jetzt wären ein paar Atombomben angebracht. Und wenn es notwendig ist, genauso viele, dass nur mehr 5000 Menschen auf der Erde übrig bleiben.
Nein, ich schalte auch lieber um.

nanou - 20. Nov, 01:09

Ich hab mir das mal eine Zeitlang angesehen und dann weggeschalten, weil ich es wusste, nicht ändern konnte und nicht mehr ausgehalten habe. Mischmasch der Gefühle, aber viel Hilflosigkeit.

acqua - 20. Nov, 07:54

Vielleicht ist das der springende Punkt: Wenn man nach dem Film etwas an dem Zustand ändern kann und will, weil man aufgerüttelt besser informiert ist (also zum Beispiel keine Schuhe von Hersteller sowieso mehr kaufen) wäre es wichtig gewesen, den Film zu schauen. Ob man diese Informationen in dem Film aber bekommt, weiss man natürlich nicht, bevor man ihn nicht geschaut hat.
books and more - 20. Nov, 01:17

Es gibt Selbstschutz aus Bequemlichkeit und es gibt Selbstschutz aus Selbsterhaltung. Auch die jeweilige Bedeutung der Formulierung 'sich nicht mit etwas auseinandersetzen wollen' würde ich nach diesen beiden Richtung differenzieren. Bei dem genannten Thema und bei ähnlichen Themen. Aus der Psychologie wäre zu dieser Diskussion das Stichwort 'Sekundäre Traumatisierung' relevant. Sich mit etwas auseinandersetzen bedeutet auch, sich ihm auszusetzen. Es kann nötig sein (und es ist OK), zu entscheiden, ob man das tut/will/kann.

Mal so gesagt: Zeigen Sie mir den falschen Film und Sie können mich hinterher einliefern lassen.

yonosequepasara - 20. Nov, 07:21

.

acqua - 20. Nov, 07:49

Aber wie bloss unterscheidet man die zwei Selbstschütze?
yonosequepasara - 20. Nov, 07:55

Toilette verstopfen. Wer legt selbst Hand an, wer ruft den Installateur?
Wer kann also, wenn es sein muss, in die Sch... greifen?
Tschuldigung für dieses Brachial-Beispiel, aber es drängte sich mir unbedingt auf - ich konnte also quasi nichts dafür.
acqua - 20. Nov, 08:00

Schreiben Sie hier ruhig, wie Ihnen die Krallen Finger gewachsen sind!

Ich glaube, ich rufe den Installateur... :-/
die fröschin (Gast) - 20. Nov, 10:57

Ich hatte...

beim Film "Gomorra" ein ähnliches Problem. Ich schaute ihn mir an und sagte mir: Wenn Du das an Dich rankommen lässt, dann kannst Du nie mehr nach Italien in die Ferien und Du kannst nie mehr Lebensmittel aus Italien kaufen. Ausserdem machte ich mir fürchterliche Vorwürfe, weil ich bei unserer letzten Italien-Reise so naiv war. Ich muss sagen, das alles hat mich in einen inneren Zwist gestürzt. Ich könnte allerdings nicht sagen, dass er tief war. Denn ich versuchte ja, den Film überhaupt nicht an mich heranzulassen. Dennoch habe ich später nur noch ein einziges Mal italienische Trauben gekauft. Und ich meinte, das von der Mafia an den unmöglichsten Orten verteilte Umweltgift daran zu riechen. Meine Devise ist jeweils: Um solche Zustände wissen, ist wichtig. Es lässt mich meine Situation in einem anderen Licht sehen. Doch auch ich kneife manchmal, wenn ich den Brechreiz kommen spüre.

books and more - 20. Nov, 12:03

Gutes Beispiel, Frau Frosch, weil hier so etwas wie Verantwortung ins Spiel kommt. Durch mein Handeln oder Nicht-Handeln bin ich kausal mit den Zuständen, die da gezeigt werden, verbunden. Ich kann z.B. Nahrungsmittel woanders kaufen. Nebenan die hübsche Biobäuerin z.B. Oder, anderes Beispiel, Vegetarier werden. Oder oder. Ein Film über eine Hähnchenschlachtfabrik ist demnach etwas anderes als ein Film über die derzeitige Gewalt im Kongo. Im einen Fall bin ich als Hähnchenesser beteiligt, im anderen Fall - soweit ich sehe - nicht. Beim Hähnchenfilm ist Acquas Frage nach der Grenze durchaus sinnvoll (wo hört der Selbstschutz auf, wo fängt die Bequemlichkeit an).
acqua - 20. Nov, 18:07

Woraus ich schliesse, dass ich mir den Film über die Kindersklaven doch hätte anschauen sollen. Vielleicht hätte ich dann nämlich erfahren, ob diesen Zustand mit meinem Handeln irgendwie beeinflussen kann.
Aber auch das wird mir oft zu viel: Bei jeder meiner Handlungen entscheiden zu müssen, ob sie ökologisch sinnvoll, sozial gerecht und natürlich auch noch meiner Gesundheit zuträglich ist.
acqua - 21. Nov, 06:22

Und ich hätte auch mit Frau Frogg zusammen Gomorra anschauen sollen, statt zuzesehen, wie Cloney, Pitt und Malkowitch Blut verspritzen.
die frogg (Gast) - 21. Nov, 16:27

Also...

ich hätte mich natürlich gefreut, wenn Sie dabei gewesen wären. Aber eine Wohltat war der Film nicht gerade, wenn er mir auch von der Machart her besser gefiel als Clooney. Ich weiss nicht, ob Ihnen das besser getan hätte - zumal ihre Affinität zur italienischen Sprache schon nickbedingt irgendwie grösser scheint.
yonosequepasara - 20. Nov, 11:14

Sich so etwas nicht anschauen wollen muss ja nicht heißen sich nicht damit beschäftigen wollen. Film ist in dem Sinne fies, als dass man sich ihm kaum entziehen kann, außer eben durch das "Wegzappen"... Und die moralinsaure Falle ist ja immer gleich mit eingebaut....
Ich halte mich da mehr an Bücher - Da entscheide ich, wann ich weiterlese.

yonosequepasara - 2. Dez, 16:43

Meines Erachtens zumutbar: Die hier verlinkten Videos zum Thema Kongo. Das erste ein nüchterner Abriss über die Historie, sehr wissenswert.
Das zweite aus einer Initiative der Ärzte ohne Grenzen. Ich gebe zu, ich habe es nicht bis zum Ende geschaut. Es hebt sich meiner Meinung nach aber wohltuend von verschiedener reißerischer "Berichterstattung" ab.

acqua - 3. Dez, 00:28

Ach Yono! Da schreibe ich darüber, dass es mir zu viel ist, mich mit der Problematik der Kindersklaverei auseinander zu setzen, und du schickst mir Links zu den Problemen im Kongo. Fast so, als würdest du mich an den Haaren zerren, damit ich mein Zahnweh nicht mehr spüre. ;-)
Aber du hast ja recht: Man kann sich der Welt nicht entziehen. Ich werde mir die Videos ansehen. Vielleicht Morgen.
yonosequepasara - 3. Dez, 07:35

Für intelligente, phantasiebegabte Menschen wie dich genügt das erste vollauf. Tut nicht weh und vermittelt in wenigen Minuten geballte Facts...
Ich wollte nicht an den Haaren zerren - vielmehr zeigen, dass es Möglichkeiten gibt, sich zu informieren, ohne gleich voll auf der emotionalen Ebene niedergebügelt über Gebühr belastet zu werden...
Das ist ein Weg, mit dem ich mich auf anfreunden kann.
acqua - 3. Dez, 12:16

Wenn das so ist: Herzlichen Dank, Yono!

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